26.05.2010 Projekt 424 + X: Anlaufstelle Steinatal
Prof. Dr. Jochen-Christoph Kaiser betont in seinem profunden Beitrag „Zur Geschichte der Melanchthon-Schule von der Gründung bis zur Schließung des Schülerheims (1945 -1985)“, Steinataler Hefte 6/2008, den besonderen Wesenszug der Schule und zitiert aus dem Entwurf zu einer Schul-Präambel, „ … dass sie vor allem für heimatlose Schüler (Ostflüchtlinge, Evakuierte, Ausgebombte) bestimmt …“ sei (S. 39).
Damit wurde das quasi aus einer Notlage heraus angeschlossene Internat in den Folgejahren auch zur Anlaufstelle für „SBZ-Flüchtlinge“ aus der damaligen DDR. Aus einem Schreiben des ehemaligen Direktors der Schule, Herrn Oberstudiendirektor Dr. Dalhoffs, an das Landeskirchenamt der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel, vom 23.3.1960, geht hervor, dass seit Bestehen der Schule von 1947 bis 1960 424 Schüler/innen mit anerkanntem Flüchtlingsausweis die Melanchthon-Schule besucht und Freistellen oder Teilstipendien erhalten haben. Da auch danach noch Schüler/innen als „SBZ-Flüchtlinge“ in Steinatal aufgenommen wurden, genaue Zahlen dazu aber fehlen, ist von einer Unbekannten X auszugehen.
Es gehört zu diesen 424 + X Fluchtschicksalen, dass damit mehr verbunden war als nur der Verlust der DDR-Bürgerschaft, dem die Aufnahme in die BRD folgte. Es gibt aber keinen Bericht darüber, warum die Betroffenen die DDR verlassen haben und welche Strapazen und Problematiken damit verbunden waren, um Aufnahme im Internat der Schule zu finden. Wenn daher von dem o.g. Wesenszug als einem besonderen Teil der Schulgeschichte gesprochen wird, so gehört als einem weiteren Teil auch die Aufarbeitung der o.g. Problematik dazu.
In dem in Zusammenarbeit mit dem „EhemaligenVerein der Melanchthon-Schule Steinatal“ angeregten Projekt soll in anschaulichen authentischen Berichten Betroffener festgehalten werden, unter welchen Umständen und auf welchen, z.T. abenteuerlichen Wegen so zahlreiche Schüler/innen allein oder in Begleitung ihrer Eltern die Heimat verlassen haben, ja, oft auch verlassen mussten.
Die Vorgänge in den Jahren 1989-1990 mit der dramatischen Massenflucht aus der DDR und anschließender Grenzöffnung bis hin zur Wiedervereinigung stehen seither im Mittelpunkt geschichtlicher Aufarbeitung. Weiten Raum nimmt dabei die Darstellung des Alltagslebens in der DDR unter dem Blickpunkt der Beziehung beider deutscher Staaten ein, ein Thema, das heutzutage auch auf dem Lehrplan der gymnasialen Oberstufe steht. (Siehe dazu den sehr interessanten Bericht von Joachim Gauck in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom 14.3.2010, S. 51) Die angeregten Berichte o.g. Betroffener könnten dazu als Zeitdokumente einen Beitrag leisten.
Um das Projekt durchführen zu können, bitte ich um Mithilfe Betroffener in Form der o.a. Berichte. Ein Problem ergibt sich insofern, an der Mitarbeit Interessierte zu erreichen. Eine Möglichkeit besteht darin, diese über Schülerjahrgänge im Schneeball-System anzusprechen, worum ich sehr bitte.
Für weitere Rückfragen stehe ich gern zur Verfügung.
Hans-Ulrich König
Steinataler Internatsschüler 1955-1962
Im Hermesgrund 8
34637 Schrecksbach
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